Nutri-Score 2024 — was die Algorithmus-Reform für die Etiketten-Praxis bedeutet
Im Januar 2024 ist die Reform des Nutri-Score-Algorithmus in Kraft getreten. Welche Produktkategorien sich verschoben haben, warum Wasser A bleibt, was die FOPL-Reform-Debatte in Brüssel angetrieben hat und wie sich die deutsche Praxis im internationalen Vergleich zu Frankreich, Belgien, Schweiz, Chile und Mexiko verhält.
Der Nutri-Score ist in Deutschland seit dem 6. November 2020 zugelassen, freiwillig anwendbar und über eine markenrechtliche Lizenz an die staatliche französische Gesundheitsbehörde Santé publique France gebunden. Die nationale Rechtsgrundlage steht in der Lebensmittelinformations-Durchführungsverordnung (LMIDV); die EU-rechtliche Tragschicht ist Artikel 35 der Lebensmittelinformations-Verordnung (LMIV, Verordnung (EU) Nr. 1169/2011), der nationale freiwillige Front-of-Pack-Nutrition-Labels grundsätzlich erlaubt, solange sie wissenschaftlich fundiert und nicht irreführend sind.
Am 1. Januar 2024 ist eine grundlegende Algorithmus-Reform in Kraft getreten, die in einem mehrjährigen Verfahren unter der Federführung des wissenschaftlichen Lenkungsausschusses der sieben Nutzerstaaten (Frankreich, Belgien, Deutschland, Spanien, Luxemburg, Niederlande, Schweiz) entwickelt wurde. Die Übergangsfrist für Verpackungen läuft seit Januar 2024 für 24 Monate, das heißt: Ab Januar 2026 dürfen nur noch nach dem reformierten Algorithmus gekennzeichnete Produkte den Nutri-Score tragen. Wer im Mai 2026 in den Supermarktregalen steht, sieht ein Bild im Übergang — reformierte und unreformierte Etiketten gleichzeitig, mit absehbarer vollständiger Umstellung bis Jahresende.
Was die Reform technisch geändert hat
Der Nutri-Score-Algorithmus berechnet pro 100 g Produkt einen Punktewert aus „negativen” Nährstoffen (Energie, gesättigte Fettsäuren, Zucker, Salz) und „positiven” Komponenten (Ballaststoffe, Eiweiß, Anteil an Obst, Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen). Das Saldo wird in eine Buchstaben-Farb-Skala A bis E übersetzt.
Die Reform 2024 hat den Algorithmus an mehreren Stellen verschärft. Erstens: Die Schwellen für gesättigte Fettsäuren wurden gesenkt. Produkte, die in der alten Skala für gesättigte Fettsäuren noch im niedrigen Punktwert lagen, rutschen in den höheren — was den Gesamtscore nach oben (also schlechter) verschiebt. Zweitens: Die Zucker-Skala wurde feiner gestaffelt, mit einer deutlichen Verschärfung im oberen Bereich (über 22 g pro 100 g). Drittens: Die Salz-Skala wurde nach unten gezogen, was vor allem stark verarbeitete herzhafte Produkte trifft. Viertens: Die Energie-Komponente wurde an den überarbeiteten Brennwert-Tabellen ausgerichtet, die die EFSA in ihrer Scientific Opinion zur Energie-Bilanz (zuletzt 2022) aktualisiert hat.
Für Getränke gilt eine eigene Skala, die in der Reform ebenfalls verändert wurde. Reines Trinkwasser bleibt — als einzige Substanz — auf A. Alle anderen Getränke, einschließlich kalorienfreier Limonaden mit Süßstoff, sind mindestens auf B abgestuft worden; gezuckerte Getränke landen härter in D und E. Die Begründung des Lenkungsausschusses verweist auf die WHO-Stellungnahme zu nicht-nutritiven Süßungsmitteln vom Mai 2023, in der die WHO langfristige Gewichtskontrolle durch Süßstoffe als nicht belegt einstuft.
Welche Produktkategorien sich verschoben haben
Vier Kategorien zeigen die größten Verschiebungen.
Fertig-Pizzen waren in der alten Skala häufig auf C oder D, vereinzelt auf B (bei vergleichsweise hohem Gemüseanteil). Nach der Reform 2024 ist die Mehrheit der industriellen Tiefkühlpizzen in D oder E gerutscht. Der Grund liegt in der Kombination aus Salz (Käse plus Tomatenbasis), gesättigten Fettsäuren (Käse, Wurstbelag) und der verschärften Energie-Skala. Die wenigen Pizzen, die noch auf C landen, haben deutlich reduzierten Käse-Anteil, höheren Gemüseanteil und reduzierten Salzgehalt.
Milchprodukte mit hohem Fettgehalt — Sahne-Joghurts, Vollmilch-Käse, Frischkäse-Aufstriche — sind ebenfalls signifikant abgerutscht. Camembert mit 45 Prozent Fett i. Tr. lag in der alten Skala häufig auf C oder D, in der reformierten regelmäßig auf E. Magermilch-Joghurt natur bleibt auf A oder B. Die Reform trifft damit eine Kategorie, in der die DACH-Esskultur traditionell stark ist — und entzündet die nationale Lobby-Debatte (siehe unten).
Salatdressings haben sich nach beiden Seiten bewegt. Joghurt-basierte Dressings mit Kräutern liegen jetzt typisch auf B oder C; klassische Vinaigrettes mit hohem Öl-Anteil rutschen wegen der verschärften Fett-Skala teils auf D, obwohl ihr Profil ernährungswissenschaftlich nicht als problematisch gilt. Hier sehen die Kritiker der Reform eine Schwäche der Algorithmus-Logik: Ölbasierte Dressings auf Olivenöl-Basis sind im mediterranen Ernährungsmuster ausdrücklich erwünscht, der Nutri-Score honoriert das nicht angemessen.
Frühstückscerealien sind gemischt betroffen. Vollkorn-Müslis ohne Zuckerzusatz halten oft A oder B. Schoko-Cerealien für Kinder sind durchgängig nach D oder E gewandert. Die Lebensmittelindustrie hat in der Übergangsphase einige Rezepturen angepasst, mit messbar reduziertem Zuckergehalt — der Effekt war als „reformulation effect” schon nach der ersten Nutri-Score-Welle in Frankreich dokumentiert (Julia et al., Nutrients 2022).
Warum Wasser A bleibt
Die Frage „warum Wasser A bleibt” ist nicht trivial. Strenggenommen liefert Wasser keinen Nährstoff im klassischen Sinn — es hat null Brennwert, null Eiweiß, null Ballaststoff. Auf der Algorithmus-Logik des Nutri-Score, die Pluspunkte aus Nährwert-Bestandteilen bezieht, müsste Wasser nahe an der Mittelzone landen.
Die Antwort liegt in einer expliziten Regel-Setzung des Lenkungsausschusses: Wasser ist als einziges Getränk per Definition auf A, weil das Wissenschaftsgremium den Verbraucherinformations-Charakter höher gewichtet hat als die rein arithmetische Folgerung. Die Begründung verweist auf die D-A-CH-Referenzwerte zur Flüssigkeitszufuhr und die WHO-Empfehlung, Wasser als primäres Getränk gegenüber Zucker-, Süßstoff- oder Milchgetränken zu priorisieren. In den FAQ des Nutri-Score-Lenkungsausschusses ist die Sonderregel ausdrücklich genannt — ein interessantes methodisches Eingeständnis, dass der Algorithmus nicht in jeder Kategorie alleine zur richtigen Empfehlung führt.
Mineralwässer mit hohem Kohlensäuregehalt oder hohem Mineralisierungsgrad sind ebenfalls A. Aromatisiertes Wasser ohne Zuckerzusatz, mit Süßstoff, ist auf B abgestuft — die Sonderregel gilt nur für reines Wasser.
Die FOPL-Reform-Debatte in der EU
Front-of-Pack-Labelling (FOPL) ist seit Jahren ein politischer Streitpunkt in Brüssel. Die EU-Kommission hatte in ihrer Farm-to-Fork-Strategie (Mai 2020) angekündigt, bis 2022 einen verpflichtenden EU-weiten FOPL-Standard vorzuschlagen. Der Vorschlag ist nicht innerhalb der angekündigten Frist gekommen — die Spannungen zwischen Mitgliedstaaten und die intensive Lobby-Arbeit verschiedener Lebensmittel-Sektoren haben den Prozess in mehrere Verzögerungsschleifen geführt.
Im Frühjahr 2025 hat die Kommission ihren Vorschlag schließlich vorgelegt: einen verpflichtenden FOPL-Standard auf Basis eines weiterentwickelten Nutri-Score, mit nationalen Übergangsfristen bis 2028. Die Mehrheit im Rat ist im Mai 2026 noch nicht gefestigt — Italien führt mit Spanien und Griechenland die Allianz der Nutri-Score-Kritiker an, die ihr eigenes System (NutrInform Battery, eine prozentuale Energie- und Nährstoff-Visualisierung) verteidigen. Die nordischen Länder, Frankreich und Deutschland stehen für den verpflichtenden Nutri-Score.
Der italienische Einwand ist nicht trivial. Die NutrInform-Battery zeigt den Prozentanteil einer Portion an einer Tagesreferenzmenge (Energy, Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker, Salz), ohne den synthetischen Buchstaben-Score. Die Argumentation der italienischen Seite verweist auf den mediterranen Charakter vieler nativer italienischer Produkte (Olivenöl, Parmesan, Prosciutto), die im Nutri-Score schlecht abschneiden, im Gesamtmuster der mediterranen Ernährung aber explizit positiv gelten. Die wissenschaftliche Antwort der Nutri-Score-Seite — der Score bewertet das einzelne Produkt, nicht das Ernährungsmuster — ist methodisch korrekt, lädt aber das Kommunikationsproblem auf den Verbraucher.
Internationaler Vergleich
In Frankreich, dem Ursprungsland, ist der Nutri-Score seit 2017 implementiert und hat 2026 eine geschätzte Marktabdeckung von rund 60 Prozent der verpackten Lebensmittel. Die Reform 2024 wurde dort am 1. Januar 2024 unmittelbar wirksam, mit derselben 24-Monats-Übergangsfrist wie in Deutschland.
Belgien hat den Nutri-Score 2019 freiwillig eingeführt und 2024 nahtlos auf die Reform umgestellt. Die belgische Sondersituation: Die staatlichen Behörden subventionieren die Lizenz-Gebühren für kleine und mittlere Hersteller, um die Adoption zu fördern. Marktabdeckung 2026: ähnlich wie Frankreich.
Die Schweiz hat den Nutri-Score 2019 freiwillig zugelassen, mit eigener Übersetzung der Lizenz-Bedingungen durch das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Die Verbreitung ist im Detailhandel vergleichsweise hoch, vor allem getragen durch die beiden großen Genossenschafts-Detailhändler. Eine politische Debatte über die Verpflichtung läuft, ist 2026 aber nicht entschieden.
Chile hat seit 2016 das System der Warning-Labels („Alto en Calorías”, „Alto en Azúcares”, „Alto en Sodio”, „Alto en Grasas saturadas”) als verpflichtende Front-of-Pack-Information. Die Schwellen sind im Gesetz Nr. 20.606 definiert und in mehreren Stufen verschärft worden. Mexiko hat 2020 ein nahezu identisches System eingeführt. Beide Systeme verzichten auf den synthetischen Score und arbeiten mit binären Warnhinweisen (Schwelle überschritten / nicht überschritten). Studien zur Verbraucherwirkung (Taillie et al., PLOS Medicine 2020 für Chile; Nieto et al., Lancet Public Health 2023 für Mexiko) zeigen messbare Reformulierungs-Effekte und Konsumverschiebungen.
Das Vereinigte Königreich nutzt seit 2013 das FSA-Traffic-Light-Label (Multi-Coloured Label), das pro Nährstoff (Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker, Salz) eine Ampelkennzeichnung zeigt. Das System ist freiwillig, hat aber durch die großen Einzelhandelsketten praktisch Standardstatus. Die Reform-Debatte in Großbritannien dreht sich seit 2023 nicht um die Einführung eines synthetischen Scores, sondern um die Verpflichtung der Ampel-Kennzeichnung — ein politisch ebenfalls umkämpfter Punkt.
Die USA haben im Januar 2024 eine umfangreiche Reform der Nutrition Facts Panel auf der Rückseite und eine vorgeschlagene Front-of-Pack-Kennzeichnung („Healthy”-Claim plus quantitative Information zu added sugars, sodium, saturated fat) durch die FDA in der Konsultation. Der Endstand ist im Mai 2026 noch offen.
Was die Reform für die Etiketten-Praxis im DACH-Raum bedeutet
Drei praktische Konsequenzen sind 2026 sichtbar.
Erstens die Verpackungs-Umstellungs-Welle. Die Lebensmittelhersteller, die den Nutri-Score freiwillig nutzen, mussten ihre Produktdaten neu berechnen, die Druckvorlagen anpassen und in vielen Fällen Rezepturen prüfen. Die Branche schätzt die Umstellungskosten pro SKU (Stock Keeping Unit) auf 800 bis 3.000 Euro, je nach Komplexität. Für mittelständische Hersteller mit 50 bis 200 SKUs summiert sich das zu einem signifikanten Investment, der die Frage „behalten wir den Nutri-Score überhaupt?” neu stellt.
Zweitens die Rezeptur-Reformulierung. Hersteller, deren Produkte durch die Reform eine schlechtere Note erhalten, stehen vor der Entscheidung: Akzeptieren wir das D oder E, oder reformulieren wir? Reformulierung ist im verpackten Lebensmittel-Bereich nicht trivial — Reduktion von Salz verändert die Haltbarkeit und das mikrobiologische Profil, Reduktion von Zucker verändert Konsistenz und Textur, Reduktion von gesättigten Fettsäuren erfordert oft ein anderes Fett-Profil mit eigenen ernährungsphysiologischen Implikationen. Die ersten dokumentierten Reformulierungs-Wellen sind in den Bereichen Frühstückscerealien, Joghurt-Desserts und Fertig-Soßen sichtbar.
Drittens die De-Adoptions-Frage. Einige Hersteller mit traditionell hohem Fett- oder Salzgehalt — insbesondere im handwerklichen Käse- und Wurstwaren-Segment — haben die Nutri-Score-Kennzeichnung entfernt oder gar nicht erst aufgenommen, weil ihr Produkt im reformierten Algorithmus schlechter abschneidet, ohne dass die Rezeptur das Ernährungsmuster gefährdet (auf das die mediterrane und die DACH-Esskultur traditionell setzt). Die Freiwilligkeit der Kennzeichnung erlaubt diesen Schritt; die Konsequenz ist, dass die Marktabdeckung des Nutri-Score in DACH bei rund 35 bis 40 Prozent stagniert — deutlich unter der französischen Quote.
Die rechtliche Dimension: irreführungs- und claims-rechtliche Friktionen
Die LMIV erlaubt freiwillige FOPL-Systeme grundsätzlich, fordert aber Wissenschaftlichkeit und Nicht-Irreführung. Die Health-Claims-Verordnung (Verordnung (EG) Nr. 1924/2006) verbietet nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben, die nicht in der EU-weiten Positiv-Liste der EFSA enthalten sind. Hier entsteht eine Friktion: Ein „Nutri-Score A” ist faktisch eine implizite Aussage über die Gesundheitsförderlichkeit des Produkts, ohne explizit als Health-Claim formuliert zu sein.
Die EuGH-Rechtsprechung zur Abgrenzung zwischen FOPL-Systemen und Health-Claims ist noch nicht final konsolidiert. Die Generalanwalts-Schlussanträge vom Juni 2024 in der Rechtssache C-204/23 (vorlegendes Gericht: Tribunale di Roma) haben die Frage adressiert; das EuGH-Urteil wird für das zweite Halbjahr 2026 erwartet. Die Erwartung der Mehrheit der Fachkommentatoren: Der Nutri-Score gilt als FOPL, nicht als Health-Claim — mit der Konsequenz, dass die Lebensmittelinformations-VO und nicht die Health-Claims-VO die maßgebliche Rechtsgrundlage ist. Sollte der EuGH anders entscheiden, würde das die Rechtsgrundlage des freiwilligen Nutri-Score erschüttern und die EU-weite verpflichtende Lösung umso wichtiger machen.
Ausblick
Die Algorithmus-Reform 2024 ist in der Etiketten-Praxis im Mai 2026 sichtbar, aber noch nicht vollständig umgesetzt. Die EU-weite verpflichtende FOPL-Regelung ist im Gesetzgebungsverfahren, aber nicht entschieden. Die parallelen Systeme — Nutri-Score, NutrInform-Battery, Warning-Labels, Traffic-Light — werden für die nächsten Jahre nebeneinander bestehen, mit zunehmender Tendenz zur europäischen Konsolidierung.
Für den Verbraucher in DACH bleibt die Lage 2026 zweigeteilt: Wer auf den Nutri-Score schaut, sieht eine reformierte, strengere Skala. Wer in den Regalen die nicht-gekennzeichneten Produkte zur Hand nimmt — und das ist in DACH die Mehrheit — sieht keinen Score und muss die Nährwert-Information auf der Rückseite lesen. Die LMIV-Pflichtangaben (Nährwert-Tabelle pro 100 g, sieben Hauptnährwerte) bleiben in jedem Fall verlässlich. Der Nutri-Score ist eine Lese-Hilfe — keine vollständige Ernährungs-Empfehlung, keine Garantie der Produktqualität, aber ein quantitativ fundierter Hinweis auf die Position innerhalb seiner Produktkategorie.